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Chongqing und Schiff ahoi!

Written on: Tuesday September 4th, 2007

A journal entry from: mongolia/china/nepal

4. bis 7. September 2007

Eigentlich stimmt die allgemein verbreitete Meinung nicht, dass die Chinesen nicht brav Schlange stehen koennen. Am Bahnhof in Pingyao erlebten wir das Gegenteil: Ganz saubere Einerkolonnen, jeweils hinter uniformierten chinesischen Bahnbeamten, bzw. Gleisabschnitts-Chefs, die den ein- und ausfahrenden Zuegen salutierten und per Megaphon die Warteschlangen militaerisch ausrichteten.

Die Zugfahrt fuerte vorbei an grossen Fabriken, mehreren AKW's mit bis zu 12 Kuehltuermen und Bauruinen. Die Nacht im Zug wie immer: Wir die beiden einzigen Nicht-Chinesen (was sich in Windeseile im Bahnwagen herumspricht), bruchstueckhafte Gespraeche mit neugierigen Passagieren, Noodlesoups mit Boilerwasser und unsere Seidenschlafsaecke, welche uns vor Floehen schuetzen (sollten).

Angekommen in Chongqing erlebten wir eine faszinierend-scheussliche Stadt voller Gegensaetze zwischen alt/neu und gross/klein. Steil am Berg und sehr eng gebaut, voller Hochhaeuser und dazwischen sind alte Bruchbuden. Aufgrund der halbinselartigen Lage und der Skyline koennte es sich auch (fast) um eine Kopie von Manhattan handeln. Das Truebe auf den Bildern liegt nicht an Deinem Monitor oder an Deiner beschlagenen Brille. Nein, es ist hier immer etwas dunstig aufgrund des feuchtwarmen Klimas vermischt mit viel Schmutz in der Luft. Gemaess Travel Guide besteht Chongqing vermutlich eine Zukunft als Toilette Chinas bevor.

Noch am selben Tag enterten wir das Yangtse-Schiff und teilten darauf eine Kabine mit zwei Englaenderinnen. Kaum fuellte sich das Schiff ging es zu und her wie in einem Wespennest: Die Chinesen okkupierten alle moeglichen und unmoeglichen Orte, schwatzten wild drauf los, sangen sich in der Karaokebar das Herz aus der Brust und posierten stramm und steif fuer Beweisfotos mit willigen Franzoesinnen. Eigentlich zeigten sie kaum Interesse am Yangtse mit seinen Attraktionen, denn die meisten zockten unentwegt drei Tage lang durch und versorgten ihre knurrenden Maegen mit Bier. Soviel zu Chinesen in der Freizeit. An der Arbeit sind sie dann ganz besonders tuechtig und kreative beim Geschaefte machen. So zum Beispiel beschraenkte sich die Leistung, die wir mit dem Ticketkauf erhielten auf die Kernfunktion, naemlich den Transport von A nach B. Jegliche Zusatzfunktionen (fuer unsere All-Inclusive Mentalitaet Selbstverstaendlichkeiten) muessen separat bezahlt werden. So z.b. Zugang zum Sonnendeck, Verpflegung, Schiff verlassen (!), Benutzung von Hocker und Tisch etc.

Am folgenden Tag stand Relaxen auf dem Sonnendeck des Schiffs auf dem Programm. Dabei konnten wir riesige Bruecken und hoeher gelegte Grossstaedte bewundern. Die niedriger gelegenen Stadtteile sahen sehr gespenstisch aus. Haeufig wurden die hoeher gelegten Stadtteile mit enormen Stuetzmauern und Hangbefestigungen untermauert, damit im Jahr 2009 bei der Flutung des Yangtse nicht noch mehr Chinesen durchgespuelt werden.

Am zweiten Tag fuhren wir mit einem kleinen Boot in einen wunderbaren Seitenfluss des Yangtse, welcher sich zwischen sehr steilen und hohen Bergen durchschlaengelt. Verglichen zum Yangtse, welcher eigentlich eine stehende, braune Bruehe ist, sah dieser Seitenfluss mit klarem, gruenem Wasser sehr viel natuerlicher aus.

Am dritten Tag wurde unsere Schifffahrt kurz vor dem Staudamm abrupt beendet und per Bus ging es auf Staudamm Sightseeing. Schon gewaltig wie unzimperlich China solche Megaprojekte realisiert.

 

Facts & Figures:

  • Staudamm: 2.3 km lang und 185 m hoch. Aktuelle Stauhohe bei 145 m. Ab 2008 bei 156 m und ab 2009 saisonal bis zu 175 m.
  • Stausee: 580 km lang und 1.1 km mittlere Breite. 638 km2. 24 Mia. Tonnen Abfall bereichern jaehrlich die braune Bruehe. Diese soll durch 260 zu installierenden Klaeranlagen zu einem klaren (Bade-)Gewaesser mutiert werden.
  • Soziales: 1.3 Mio. Menschen werden umgesiedelt gemacht fuer CHF 8000 Entschaedigung pro Haushalt (=offizielle Version, inoffizielle Angaben gehen von mindestens 2.0 Mio. Menschen aus.)
  • Kommunikation: Chinesische Medien berichten ausschliesslich Gutes, abgesehen von einzelnen Korruptionsfaellen und vereinzelten, angeblich unbedeutenden 2 Meter langen und wenigen Milimeter breiten Rissen in der Staumauer.
  • Archaeologisches: Ca. 1300 historisch bedeutende Ausgrabungsstaette gehen fuer immer auf Tauchstation.
  • Zweck: Flutkontrolle, Elektrizitaetsgewinnung, bessere Navigierbarkeit und regionale Wirtschaftsfoerderung.
  • Output: 18'200 MW Leistung/85 TWh jaehrlich (ca. 18 AKWs). Zum Vergleich: Alle Schweizer Wasserkraftwerke leisten insgesamt 13'300 MW/35 TWh jaehrlich!